Zwei Ex-DeepMind-Forscher bauen in Lausanne die Steuerung für Fusionsreaktoren
Das Lausanner Startup Fusionality entwickelt Mess-, Simulations- und Steuerungstechnologien für Fusionsanlagen und hat drei Millionen Franken Pre-Seed-Kapital erhalten. Symbolische KI-Illustration.
Die Schweiz erhält ein neues Deep-Tech-Unternehmen in einem der technologisch anspruchsvollsten Bereiche der Energieforschung.
Das Lausanner Startup Fusionality hat drei Millionen Franken in einer Pre-Seed-Finanzierungsrunde eingesammelt. Hinter dem jungen Unternehmen stehen Federico Felici und Jonas Buchli – zwei Forscher, die sowohl aus der Schweizer Hochschullandschaft als auch aus der internationalen KI-Forschung Erfahrung mitbringen.
Beide arbeiteten bei Google DeepMind. Felici war zuvor am Swiss Plasma Center der EPFL tätig, Buchli hatte unter anderem eine akademische Position an der ETH Zürich. Heute bauen sie in Lausanne ein Unternehmen auf, das eine entscheidende technische Lücke in der entstehenden Fusionsindustrie schliessen will.
Die Finanzierungsrunde wird von Founderful und Playfair angeführt. Das Geld soll vor allem dazu dienen, das Team in Lausanne auszubauen und erste Kundenprojekte umzusetzen. Gesucht werden unter anderem Fachleute aus Steuerungstechnik, Softwareentwicklung, Plasmaphysik und Simulation.
Fusionality baut keinen eigenen Reaktor
Interessant ist vor allem das Geschäftsmodell. Fusionality will nicht mit den Milliardenprojekten konkurrieren, die versuchen, selbst einen kommerziellen Fusionsreaktor zu entwickeln.
Stattdessen konzentriert sich das Unternehmen auf Technologien, die praktisch jeder Betreiber einer Fusionsanlage benötigt: Diagnostik, Echtzeit-Steuerung, Datenerfassung, Simulation und Analyse.
Man könnte vereinfacht sagen: Andere Unternehmen bauen den Reaktor – Fusionality will einen Teil des Nervensystems liefern, der ihn messbar und steuerbar macht. Das könnte ein attraktiver Ansatz sein.
Weltweit arbeiten zahlreiche private Unternehmen an verschiedenen Konzepten für Fusionsenergie. Ihre Reaktordesigns unterscheiden sich teilweise stark. Trotzdem benötigen praktisch alle Systeme Technologien, die innerhalb kürzester Zeit erfassen, was im Plasma geschieht und wie darauf reagiert werden muss.
Plasma lässt keine langen Reaktionszeiten zu
Kernfusion versucht, den Prozess nachzubilden, der Sterne wie unsere Sonne mit Energie versorgt. Leichte Atomkerne verschmelzen zu schwereren Kernen und setzen dabei Energie frei.
Damit dies auf der Erde geschieht, muss der Brennstoff in einen extrem heissen Plasmazustand gebracht und kontrolliert werden. Bei magnetischen Fusionsanlagen halten starke Magnetfelder dieses Plasma von den Reaktorwänden fern.
Das Problem: Plasma ist hochdynamisch.
Temperatur, Form und Position müssen ständig überwacht werden. Steuerungssysteme müssen Veränderungen teilweise in extrem kurzen Zeiträumen erkennen und darauf reagieren.
Genau hier setzt Fusionality an.
CEO Federico Felici erklärte gegenüber TechCrunch, dass viele Fusionsunternehmen ihre Kontrollsysteme heute weitgehend selbst entwickeln. Seiner Einschätzung nach seien jedoch ungefähr 80 Prozent der grundlegenden Komponenten solcher Systeme vergleichbar.
Daraus ergibt sich die Geschäftsidee: Statt dass jedes Unternehmen die gleiche technologische Basis neu entwickelt, soll Fusionality wiederverwendbare Komponenten liefern.
Die Gründer haben das Problem bereits selbst gelöst
Die Idee entstand nicht theoretisch.
Felici und Buchli lernten sich bei einer Zusammenarbeit zwischen EPFL und Google DeepMind kennen.
Dabei ging es um die Frage, ob künstliche Intelligenz helfen kann, das Plasma eines Tokamak-Fusionsreaktors zu kontrollieren.
Das Team trainierte ein System mittels Deep Reinforcement Learning und setzte es anschliessend am TCV-Tokamak der EPFL ein.
Die Arbeit wurde 2022 im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlicht. Die Studie zeigte, dass ein einzelner lernender Controller unterschiedliche Plasma-Konfigurationen in dem Forschungsreaktor erzeugen und stabilisieren konnte.
Diese Forschung bildet einen wichtigen Teil des Erfahrungshintergrunds der heutigen Gründer.
KI spielt eine Rolle – aber soll nicht allein entscheiden
Bemerkenswert ist dabei eine differenzierte Haltung zur künstlichen Intelligenz.
Felici geht nicht davon aus, dass ein KI-System kurzfristig einen kompletten Fusionsreaktor autonom steuern sollte.
KI werde vielmehr bestimmte Aufgaben ergänzen, optimieren oder verbessern, erklärte er gegenüber TechCrunch.
Das unterscheidet Fusionality von vielen aktuellen Unternehmensgeschichten, bei denen möglichst viele Prozesse einfach mit dem Begriff AI versehen werden.
Beim Betrieb hochkomplexer physischer Anlagen sind klassische Regelungstechnik, Physik, Echtzeitsoftware, Hardwareintegration und Datenverarbeitung mindestens ebenso entscheidend.
Gerade diese Kombination könnte für das Schweizer Unternehmen zum Wettbewerbsvorteil werden.
Sieben Personen – und grosse Ambitionen
Fusionality ist noch sehr jung.
TechCrunch bezifferte das aktuelle Team auf sieben Personen. Das Unternehmen wurde erst 2026 gegründet.
Die Finanzierungsrunde von drei Millionen Franken ist deshalb noch keine Garantie für einen späteren kommerziellen Erfolg.
Auch die gesamte Fusionsindustrie steht trotz grosser Fortschritte weiterhin vor erheblichen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Bis Fusionskraftwerke zuverlässig und wirtschaftlich Strom ins Netz liefern, müssen zahlreiche technische Probleme gelöst werden.
Fusionality setzt jedoch genau auf diese Unsicherheit.
Je mehr Unternehmen unterschiedliche Fusionsreaktoren entwickeln, desto grösser könnte der Bedarf an standardisierten Mess-, Simulations- und Steuerungssystemen werden.
Ein klassisches Schweizer Deep-Tech-Modell
Aus Schweizer Sicht ist die Geschichte besonders interessant.
Eine Technologie entsteht aus jahrelanger Spitzenforschung.
Forscher sammeln zusätzlich Erfahrung bei einem der weltweit führenden KI-Unternehmen.
Anschliessend kehren sie in die Schweiz zurück und versuchen, daraus ein Unternehmen mit internationalem Markt aufzubauen.
Dieses Muster findet man zunehmend rund um EPFL und ETH Zürich.
Die Schweiz muss dabei nicht unbedingt selbst den ersten kommerziellen Fusionsreaktor bauen.
Ein ebenso interessantes Geschäftsmodell besteht darin, hochspezialisierte Komponenten, Software oder Steuerungssysteme zu entwickeln, die zahlreiche Reaktorhersteller benötigen.
Das entspricht einer traditionellen Stärke der Schweizer Wirtschaft: hochkomplexe Technologien in einer entscheidenden Nische.
Von Lausanne in eine neue Energieindustrie
Für Fusionality beginnt jetzt die schwierigste Phase.
Die wissenschaftliche Kompetenz ist vorhanden. Die erste Finanzierung ist abgeschlossen. Nun muss das Unternehmen beweisen, dass sich seine Technologie auf unterschiedliche Fusionsanlagen übertragen und zuverlässig kommerziell einsetzen lässt.
Genau dafür sollen die ersten Kundenprojekte dienen.
Sollte die internationale Fusionsindustrie in den kommenden Jahren weiter wachsen, könnte sich rund um sie eine neue Lieferkette entwickeln – ähnlich wie dies heute bei Halbleitern, Luftfahrt oder Rechenzentren der Fall ist.
Fusionality möchte sich früh in dieser Lieferkette positionieren.
Und damit entsteht in Lausanne eine bemerkenswerte Schweizer Startup-Geschichte:
Zwei ehemalige DeepMind-Forscher versuchen nicht, den nächsten Chatbot zu bauen. Sie entwickeln Technologien, die eines Tages dabei helfen könnten, Fusionsreaktoren zuverlässig zu betreiben.
Die drei Millionen Franken neues Kapital sind dafür erst der Anfang.
Die Finanzierung wurde am 9. September bekannt; am 11. September 2026 erschien dazu neue Schweizer Fachmedien-Berichterstattung.
Fusionality – offizielles Unternehmen und Team
