Drei Schweizerinnen im 800-Meter-Final: Die Schweiz wird zur Mittelstrecken-Nation
Audrey Werro, Valentina Rosamilia und Veronica Vancardo stehen am Samstagabend gemeinsam im 800-Meter-Final der World Athletics Ultimate Championship in Budapest. Was wie eine einmalige Sensation klingt, ist inzwischen fast schon ein Muster: Bereits bei der Europameisterschaft in Birmingham standen dieselben drei Schweizerinnen gemeinsam im Final.
Die Schweizer Leichtathletik erlebt über 800 Meter einen aussergewöhnlichen Moment. Bei der erstmals ausgetragenen World Athletics Ultimate Championship in Budapest haben sich gleich drei Schweizer Athletinnen für den Final über zwei Stadionrunden qualifiziert: Audrey Werro, Valentina Rosamilia und Veronica Vancardo.
Der Final startet am Samstag um 20.18 Uhr und wird für die Schweiz zu einem der Höhepunkte des gesamten Wochenendes.
Dass drei Läuferinnen aus einem Land mit weniger als zehn Millionen Einwohnern gleichzeitig in einem international hochkarätig besetzten 800-Meter-Final stehen, ist bemerkenswert. Noch erstaunlicher: Es ist 2026 bereits das zweite Mal.
Bei den Europameisterschaften in Birmingham hatten Werro, Rosamilia und Vancardo ebenfalls gemeinsam den Final erreicht. Damals war es das erste Mal überhaupt, dass drei Schweizerinnen in einem EM-Final über 800 Meter standen.
Nun gelingt ihnen das Kunststück erneut – diesmal gegen internationale Konkurrenz aus aller Welt.
Audrey Werro kontrolliert ihren Halbfinal
Am souveränsten löste Audrey Werro ihre Aufgabe.
Die 22-jährige Freiburgerin gewann den zweiten Halbfinal in 1:59,05 Minuten vor der Niederländerin Femke Broeders-Bol. Werro kontrollierte das Rennen und musste dabei nicht an ihre Leistungsgrenze gehen.
Das überrascht inzwischen kaum noch.
Werro erlebt eine aussergewöhnliche Saison. Sie gewann 2026 ihre Diamond-League-Rennen und krönte die Serie zuletzt mit dem Sieg beim Finale in Brüssel. Dort setzte sie sich in 1:54,75 Minuten hauchdünn gegen Broeders-Bol durch.
Auch bei der Europameisterschaft in Birmingham holte die Schweizerin Gold.
Werro gehört damit inzwischen nicht mehr nur zu den grossen Schweizer Talenten. Sie zählt zur absoluten internationalen Spitze über 800 Meter.
In Budapest wartet nun allerdings eine aussergewöhnlich starke Konkurrenz.
Neben Broeders-Bol steht auch die britische Olympiasiegerin Keely Hodgkinson im Final. Hodgkinson gewann den ersten Halbfinal in 1:57,57 Minuten.
Rosamilia kommt von hinten
Ganz anders verlief die Qualifikation für Valentina Rosamilia.
Die 23-Jährige lag im zweiten Halbfinal zunächst zurück, arbeitete sich auf der Schlussrunde aber immer weiter nach vorne.
Mit einem starken Finish erreichte sie in 1:59,78 Minuten Rang vier und sicherte sich damit ebenfalls einen Platz im Final.
Rosamilias Entwicklung in dieser Saison ist bemerkenswert.
Bereits bei der EM in Birmingham hatte sie mit 1:58,16 Minuten eine neue persönliche Bestleistung erzielt und sich damals zur drittschnellsten Schweizer 800-Meter-Läuferin der Geschichte gemacht.
Nun steht sie innerhalb weniger Wochen erneut gemeinsam mit Werro und Vancardo in einem grossen internationalen Final.
Dramatische Qualifikation für Veronica Vancardo
Die ungewöhnlichste Geschichte des Abends lieferte jedoch Veronica Vancardo.
Die Freiburgerin befand sich im ersten Halbfinal in aussichtsreicher Position, als es kurz vor dem Ziel zu einem Zwischenfall kam.
Die Italienerin Eloisa Coiro versuchte nach Darstellung von SRF, sich Platz zu verschaffen. Vancardo kam dabei ohne eigenes Verschulden zu Fall.
Sportlich schien ihr Final damit zunächst verloren.
Vancardo erreichte das Ziel erst in 2:16,75 Minuten.
Doch die Jury überprüfte den Zwischenfall und entschied anschliessend, die Schweizerin zusätzlich für den Final zuzulassen.
Statt der ursprünglich vorgesehenen acht Athletinnen treten deshalb neun Läuferinnen im Finale an.
Damit war das Schweizer Trio komplett.
Schon wieder drei Schweizerinnen
Genau dieser Punkt macht die Geschichte besonders.
Am 13. August standen Werro, Rosamilia und Vancardo bereits gemeinsam im EM-Final in Birmingham.
Swiss Athletics bezeichnete dies damals als historische Premiere: Noch nie zuvor waren drei Schweizerinnen gemeinsam in einem 800-Meter-EM-Final vertreten gewesen.
Nicht einmal einen Monat später gelingt ihnen nun bei der neuen Ultimate Championship dasselbe Kunststück auf internationaler Ebene.
Das spricht gegen einen Zufall.
Die Schweiz verfügt derzeit nicht nur über eine herausragende 800-Meter-Läuferin. Sie besitzt gleich mehrere Athletinnen, die international konkurrenzfähig sind.
Die Schweiz entdeckt die 800 Meter
Traditionell verbindet man Schweizer Spitzensport eher mit Ski, Tennis, Radsport oder zunehmend Sprint und technische Disziplinen.
Mittelstreckenlauf gehörte lange nicht zu den Sportarten, in denen die Schweiz regelmässig mehrere Athletinnen gleichzeitig in internationale Finals brachte.
Das verändert sich gerade.
Werro ist dabei die sichtbarste Vertreterin einer neuen Generation. Aber die Resultate von Rosamilia und Vancardo zeigen, dass die Entwicklung breiter ist.
Gerade das macht die aktuelle Situation für die Schweizer Leichtathletik so interessant.
Eine einzelne Weltklasseathletin kann eine aussergewöhnliche individuelle Erscheinung sein.
Drei Finalistinnen in derselben Disziplin deuten dagegen auf strukturelle Stärke hin.
Ein aussergewöhnlicher Final wartet
Einfach wird die Aufgabe am Samstagabend allerdings nicht.
Das Teilnehmerfeld ist hochklassig.
Neben den drei Schweizerinnen stehen unter anderem Olympiasiegerin Hodgkinson und Broeders-Bol im Final. Die Niederländerin wechselte erst in dieser Saison von den 400 Meter Hürden auf die 800 Meter und gehört bereits zu den schnellsten Läuferinnen der Welt.
Gerade das Duell zwischen Werro, Hodgkinson und Broeders-Bol gilt international als einer der Höhepunkte der Ultimate Championship.
Die Leistungen der drei haben die Frauen über 800 Meter in dieser Saison auf ein Niveau gebracht, das seit Jahrzehnten kaum zu sehen war.
Für die Schweizer Fans gibt es aber noch einen zusätzlichen Grund hinzuschauen.
Denn fast ein Drittel des gesamten Finalfeldes trägt das Schweizer Trikot.
Um 20.18 Uhr geht es um alles
Der Startschuss fällt am Samstag, 12. September, um 20.18 Uhr in Budapest.
Werro gehört nach ihrer bisherigen Saison zu den grossen Kandidatinnen auf den Sieg. Doch bei einem 800-Meter-Final können Positionierung, Tempo und der richtige Moment für den Schlussspurt entscheidend sein.
Rosamilia und Vancardo haben bereits mit dem Finaleinzug einen weiteren starken internationalen Erfolg erreicht.
Für die Schweizer Leichtathletik steht deshalb schon vor dem Rennen fest: Budapest liefert ein weiteres Zeichen dafür, wie stark sich die Frauen über 800 Meter entwickelt haben.
Vor wenigen Jahren wäre bereits eine Schweizer Finalistin ein grosser Erfolg gewesen.
Heute stehen dort drei.
Und inzwischen passiert das nicht einmal mehr zum ersten Mal.
Audrey Werro, Valentina Rosamilia und Veronica Vancardo machen die Schweiz 2026 zu einer der bemerkenswertesten 800-Meter-Nationen Europas.
