Schweizer KI-Startup aus dem Tessin holt 4,3 Millionen Euro
Das Tessiner Startup Jaipur Robotics entwickelt KI- und Computer-Vision-Technologie für industrielle Anlagen und hat eine Seed-Runde über 4,3 Millionen Euro abgeschlossen. Symbolische KI-Illustration.
Die nächste Schweizer KI-Erfolgsgeschichte kommt nicht aus Zürich oder Lausanne, sondern aus dem Tessin.
Das in Manno bei Lugano ansässige Unternehmen Jaipur Robotics AG hat am Montag eine Seed-Finanzierungsrunde über 4,3 Millionen Euro bekannt gegeben. Angeführt wird die Runde von EquityPitcher Ventures und dem High-Tech Gründerfonds HTGF. Das Kapital soll dem jungen Unternehmen helfen, seine Technologie international auszurollen, neue Märkte zu erschliessen und sein Produktportfolio weiterzuentwickeln.
Jaipur Robotics wurde erst 2024 gegründet. Trotzdem beschäftigt das Unternehmen laut der aktuellen Finanzierungsmitteilung bereits rund 40 Mitarbeitende und betreibt zwei Forschungs- und Entwicklungsstandorte in der Schweiz und Asien.
Das Besondere ist der Markt, den das Startup mit künstlicher Intelligenz verändern will. Während sich viele KI-Unternehmen auf Bürosoftware, Chatbots oder Marketing konzentrieren, setzt Jaipur Robotics seine Technologie dort ein, wo Maschinen, Kräne und industrielle Anlagen täglich tausende Tonnen Material verarbeiten: in Waste-to-Energy-Anlagen, also Kehrichtverbrennungsanlagen, sowie in verwandten Industrien wie Zement- und Biomasseproduktion.
KI schaut in den Abfall
Die Grundidee klingt zunächst erstaunlich einfach. Kameras beobachten Abfallströme. Computer-Vision-Systeme analysieren die Bilder. Algorithmen erkennen problematische Gegenstände, bestimmen Eigenschaften des Materials und liefern Informationen, mit denen Anlagen effizienter betrieben werden können.
In der Praxis ist die Aufgabe wesentlich anspruchsvoller. Abfall ist unstrukturiert. Gegenstände überlagern sich, Lichtverhältnisse ändern sich und gefährliche oder besonders grosse Objekte müssen möglichst früh erkannt werden.
Jaipur Robotics hat dafür nach eigenen Angaben einen Datensatz mit mehr als 50 Millionen annotierten Bildern aufgebaut. Die Systeme des Unternehmens analysieren inzwischen mehr als fünf Millionen Tonnen Abfall pro Jahr. Bei der Erkennung gefährlicher Materialien nennt die Finanzierungsmitteilung eine Genauigkeit von 99 Prozent. Diese Werte stammen vom Unternehmen beziehungsweise seinen Investoren und sind deshalb als Unternehmensangaben einzuordnen.
Ein riesiger Markt, der noch erstaunlich analog arbeitet
Das Potenzial liegt nicht nur in der Technologie, sondern in der Grösse des Marktes. Weltweit existieren laut der aktuellen Finanzierungsmitteilung mehr als 3’100 Waste-to-Energy-Anlagen. Der entsprechende Markt wird dort auf ungefähr 40 Milliarden Euro beziffert. Viele Anlagen arbeiten in wichtigen Bereichen weiterhin mit manueller Überwachung und vergleichsweise wenig automatisierter Datenanalyse.
Genau diese Lücke versucht das Schweizer Unternehmen zu schliessen.Zu seinen Anwendungen gehören beispielsweise Systeme, die übergrosse oder gefährliche Gegenstände im Abfallbunker erkennen. Solche Objekte können Maschinen beschädigen oder Betriebsunterbrüche verursachen.
Ein weiteres Produkt erstellt in Echtzeit sogenannte Heizwertkarten des Abfalls. Damit sollen Kranführer Material besser mischen können, bevor es der Verbrennung zugeführt wird. Hinzu kommt die Analyse von Kranbewegungen mit dem Ziel, Abläufe zu optimieren und längerfristig stärker zu automatisieren.
Von Manno in internationale Industrieanlagen
Für den Schweizer Startup-Standort ist besonders interessant, dass Jaipur Robotics seine Technologie nicht nur entwickelt, sondern bereits in einem internationalen industriellen Umfeld einsetzt.
Nach Angaben der Investoren verfügt das Unternehmen über ein wachsendes Kundennetzwerk in Europa und will die neue Finanzierung nutzen, um zusätzliche Regionen zu erschliessen.
Das ist eine entscheidende Phase für junge Deep-Tech-Unternehmen. Eine Technologie im Labor zu entwickeln, ist eine Sache. Sie zuverlässig innerhalb grosser Industrieanlagen zu betreiben, in denen Ausfälle erhebliche Kosten verursachen können, ist etwas ganz anderes.
Dafür braucht ein Startup neben guten Algorithmen auch Maschinenbauwissen, Industrieverständnis und die Fähigkeit, Systeme direkt beim Kunden zu integrieren. Genau diese Kombination nennen auch die neuen Investoren als Grund für ihr Engagement.
Neue Arbeitsplätze geplant
Das Wachstum soll sich auch bei der Beschäftigung bemerkbar machen.
Jaipur Robotics erklärt in der Finanzierungsmitteilung, sein Team aktuell in mehreren Bereichen weiter auszubauen. Gesucht werden Mitarbeitende unter anderem für künstliche Intelligenz, Engineering und kommerzielle Funktionen.
Für das Tessin ist das eine interessante Entwicklung. Die grossen Schweizer Technologie- und Startup-Cluster werden häufig mit Zürich, Zug, Basel oder der Region Lausanne in Verbindung gebracht. Doch rund um Lugano und Manno hat sich ebenfalls ein wachsendes Ökosystem aus Technologieunternehmen, Hochschulen, Investoren und Förderorganisationen entwickelt.
Jaipur Robotics hat seinen Hauptsitz im Technopole Ticino in Manno. Stefano Rizzi, Direktor der Wirtschaftsabteilung des Kantons Tessin, bezeichnete die Finanzierung als Bestätigung für das Potenzial des regionalen Innovationsökosystems und verwies unter anderem auf die Rolle von Fondazione Agire und TiVentures bei der Unterstützung junger Unternehmen.
KI erreicht die klassische Industrie
Die Entwicklung von Jaipur Robotics zeigt zugleich einen breiteren Technologietrend.
Die nächste Phase der künstlichen Intelligenz findet nicht nur auf Bildschirmen statt.KI-Systeme beginnen zunehmend, physische Prozesse zu analysieren und zu steuern: Produktionslinien, Logistikzentren, Fahrzeuge, Roboter, Energieanlagen und Infrastruktur.
Computer Vision spielt dabei eine zentrale Rolle. Ein Algorithmus kann über Kameras Zustände erkennen, die früher von Menschen kontrolliert werden mussten. Werden diese Informationen anschliessend mit Maschinensteuerung kombiniert, entsteht schrittweise eine stärker automatisierte industrielle Umgebung.
Das wirtschaftliche Potenzial ist entsprechend gross. Denn in der Industrie geht es nicht lediglich darum, einige Minuten Büroarbeit einzusparen. Ein vermiedener Produktionsausfall oder eine effizienter betriebene Anlage kann einen erheblichen finanziellen Effekt haben.
Jaipur Robotics nennt in seiner Finanzierungsmitteilung entsprechende Einspar- und Effizienzwerte aus Kundenanlagen. Da diese Zahlen nicht unabhängig verifiziert vorliegen, sollten sie journalistisch als Unternehmensangaben betrachtet werden.
Schweizer Deep Tech mit internationaler Ambition
Die Finanzierungsrunde ist mit 4,3 Millionen Euro noch weit von den dreistelligen Millionenbeträgen grosser internationaler Scale-ups entfernt.
Für ein erst 2024 gegründetes industrielles KI-Unternehmen ist sie dennoch ein bedeutender Schritt. Das Kapital ermöglicht Jaipur Robotics, mehr Entwickler einzustellen, zusätzliche Kundeninstallationen umzusetzen und seine Systeme weiterzuentwickeln.
Vor allem zeigt die Runde aber, dass Schweizer KI-Unternehmen nicht zwingend versuchen müssen, die nächste allgemeine Chatbot-Plattform zu entwickeln.Eine ebenso interessante Strategie besteht darin, sich auf sehr konkrete industrielle Probleme zu konzentrieren, für die Spezialwissen, Daten und direkte Kundenerfahrung entscheidend sind.
Die Schweiz besitzt dafür gute Voraussetzungen: eine starke industrielle Basis, technische Hochschulen, Engineering-Know-how und zahlreiche international tätige Unternehmen. Jaipur Robotics verbindet mehrere dieser Stärken.
Ein junges Team im Tessin setzt künstliche Intelligenz auf einen Markt an, der auf den ersten Blick kaum nach Hightech klingt – die Verarbeitung von Abfall.
Doch gerade dort könnte KI einen besonders messbaren Nutzen erzeugen.
4,3 Millionen Euro neues Kapital, rund 40 Mitarbeitende und internationale Expansionspläne nur zwei Jahre nach der Gründung machen Jaipur Robotics deshalb zu einer der interessantesten aktuellen Schweizer Startup-Geschichten.
