Europa investiert 388 Millionen in neuen KI-Supercomputer – und die Schweiz ist näher dran, als man denkt

 Europa investiert 388 Millionen in neuen KI-Supercomputer – und die Schweiz ist näher dran, als man denkt

Europa investiert 387,8 Millionen Euro in LUMI-AI. Der neue KI-Supercomputer in Finnland soll die europäische Rechenleistung für künstliche Intelligenz massiv ausbauen.

Europa startet die nächste Stufe im globalen KI-Wettlauf: Für 387,8 Millionen Euro entsteht in Finnland der neue Supercomputer LUMI-AI. Er soll zehnmal mehr KI-Leistung bieten als sein Vorgänger und Startups, Unternehmen und Forschern Zugang zu enormer Rechenleistung ermöglichen. Für die Schweiz ist die Entwicklung besonders interessant – denn mit dem Supercomputer Alps und dem CSCS ist sie bereits Teil des entstehenden europäischen KI-Ökosystems.

Künstliche Intelligenz braucht mehr als Algorithmen, Daten und gute Ideen.

Sie braucht vor allem eines: gewaltige Rechenleistung.

Genau hier verschärft sich derzeit der globale Wettbewerb zwischen den USA, China und Europa. Während amerikanische Technologiekonzerne Milliarden in immer grössere AI-Rechenzentren investieren, versucht Europa, eine eigene leistungsfähige Infrastruktur aufzubauen.

Am Montag, 31. August, wurde nun ein wichtiger Schritt dieses Vorhabens konkret.

Die europäische Supercomputing-Organisation EuroHPC Joint Undertaking hat mit dem französischen Technologieunternehmen Bull einen Vertrag über 387,8 Millionen Euro für den neuen KI-Supercomputer LUMI-AI abgeschlossen.

Das System soll im finnischen Kajaani entstehen und ab der zweiten Jahreshälfte 2027 zur Verfügung stehen.

Und die Dimensionen sind beeindruckend.

Zehnmal mehr KI-Leistung

LUMI-AI wird nicht einfach eine etwas schnellere Version eines bestehenden Supercomputers.

Nach Angaben der Betreiber soll die verfügbare KI-Rechenkapazität gegenüber dem heutigen LUMI-System um den Faktor zehn steigen.

Gleichzeitig soll sich die klassische High-Performance-Computing-Leistung nahezu verdoppeln.

Damit wird LUMI-AI zu einer der zentralen Rechenplattformen der europäischen KI-Strategie.

Das System soll sowohl für das Training und den Betrieb grosser KI-Modelle als auch für wissenschaftliche Simulationen und datenintensive Anwendungen eingesetzt werden.

Besonders interessant: Die Infrastruktur ist ausdrücklich nicht nur für Universitäten und staatliche Forschungsprojekte gedacht.

Auch Startups und kleine und mittlere Unternehmen sollen Zugang zur Rechenleistung erhalten.

Das könnte für Europas KI-Wirtschaft entscheidend werden.

Warum Rechenleistung zum strategischen Rohstoff wird

Wer heute ein leistungsfähiges KI-Modell entwickeln will, benötigt enorme Mengen spezialisierter Rechenleistung.

Genau hier besitzen die grossen amerikanischen Technologiekonzerne einen gewaltigen Vorteil.

Microsoft, Amazon, Google, Meta und andere Unternehmen investieren Milliardenbeträge in Rechenzentren, GPUs und eigene AI-Infrastrukturen.

Für kleinere Unternehmen ist es praktisch unmöglich, eine vergleichbare Infrastruktur selbst aufzubauen.

Rechenleistung entwickelt sich deshalb zunehmend zu einem strategischen Rohstoff der digitalen Wirtschaft.

Europa versucht nun, einen Teil dieser Infrastruktur selbst bereitzustellen.

LUMI-AI ist Teil des europäischen AI-Factories-Programms. Dabei entsteht ein Netzwerk aus Hochleistungsrechnern, Datenplattformen, Forschungszentren und Unterstützungsangeboten für Unternehmen.

Nach Angaben von EuroHPC verfügt das Netzwerk mittlerweile über 19 AI-Factory-Zentren und zwölf Supercomputer. Weitere Standorte sind geplant.

Die Idee dahinter ist einfach:

Ein europäisches Startup mit einer guten AI-Idee soll nicht daran scheitern, dass es sich die notwendige Rechenleistung nicht leisten kann.

AMD statt Nvidia

Auch technologisch ist LUMI-AI interessant.

Der neue Supercomputer wird auf der BullSequana-XH3500-Architektur basieren und mit AMD-Technologie ausgestattet.

Zum Einsatz kommen sollen die neuen AMD Instinct MI430X GPUs sowie Prozessoren der sechsten Generation der AMD-EPYC-Serie mit jeweils 256 CPU-Kernen.

IBM liefert die Hochleistungs-Speicherinfrastruktur auf Basis von IBM Storage Scale.

Für Teile der Netzwerkinfrastruktur kommt Technologie von Nokia zum Einsatz.

Damit setzt Europa bei diesem Projekt bewusst auf eine Kombination mehrerer Technologieanbieter.

Das System wird zudem flüssigkeitsgekühlt.

Nach Angaben von AMD soll LUMI-AI vollständig mit erneuerbarer Energie betrieben werden. Die entstehende Abwärme soll weiterverwendet werden.

Ein Supercomputer in einer ehemaligen Papierfabrik

Auch der Standort erzählt eine interessante Geschichte.

LUMI-AI entsteht im finnischen Kajaani, rund 500 Kilometer nördlich von Helsinki.

Das neue Rechenzentrum wird auf einem ehemaligen Industrieareal errichtet, auf dem früher Papier produziert wurde.

Heute entsteht dort eine Infrastruktur für künstliche Intelligenz und Hochleistungsrechnen.

Der Standort bietet dafür mehrere Vorteile: ein kühles Klima, verfügbare erneuerbare Energie und bereits vorhandene Erfahrung mit grossen Rechenanlagen.

Der heutige LUMI-Supercomputer befindet sich ebenfalls in Kajaani.

Das neue LUMI-AI-System soll nach seiner Inbetriebnahme zum rechnerischen Herzstück der dortigen LUMI AI Factory werden.

387,8 Millionen Euro – bezahlt von Europa

Die Investition ist erheblich.

Der Vertrag umfasst Anschaffung, Lieferung, Installation und Wartung und hat ein Gesamtvolumen von 387,8 Millionen Euro.

Die Finanzierung wird geteilt.

50 Prozent übernimmt EuroHPC aus dem europäischen Digital-Europe-Programm.

Die andere Hälfte trägt das LUMI-AI-Konsortium aus Finnland, Tschechien, Dänemark, Estland, Norwegen und Polen.

Das zeigt, welchen strategischen Stellenwert Recheninfrastruktur inzwischen besitzt.

Vor wenigen Jahren wurden Supercomputer hauptsächlich als wissenschaftliche Grossgeräte betrachtet.

Heute werden sie zunehmend Teil der Wirtschafts- und Technologiepolitik.

Und was bedeutet das für die Schweiz?

Genau hier wird die Geschichte für die Schweiz besonders interessant.

Die Schweiz gehört zwar nicht zum Konsortium, das den neuen LUMI-AI finanziert. Sie verfügt aber selbst über eine aussergewöhnlich leistungsfähige Supercomputing-Infrastruktur.

Am Swiss National Supercomputing Centre (CSCS) in Lugano betreibt die ETH Zürich den Supercomputer Alps.

Alps wurde gezielt für die Verbindung von klassischem Hochleistungsrechnen und künstlicher Intelligenz konzipiert und gehört zu den leistungsfähigsten Forschungsrechnern Europas.

Noch interessanter ist jedoch die Verbindung zum europäischen AI-Factory-Netzwerk.

Mit dem Projekt HEARTS – HElvetic AI Resources, Technologies and Services baut die Schweiz eine sogenannte AI Factory Antenna auf.

Ziel ist es, Schweizer Hochschulen, Startups, KMU und öffentliche Institutionen besser mit AI-optimierter Rechenleistung und Dateninfrastruktur zu verbinden.

Dabei spielt Alps eine zentrale Rolle.

Und HEARTS arbeitet ausdrücklich mit der LUMI AI Factory zusammen.

Damit entsteht eine direkte technologische Brücke zwischen der Schweizer Hochleistungsrechen-Infrastruktur und dem europäischen AI-Factory-Ökosystem.

ETH und EPFL spielen eine Schlüsselrolle

Die Voraussetzungen dafür sind in der Schweiz aussergewöhnlich gut.

Neben dem CSCS sind unter anderem die ETH Zürich und die EPFL wichtige Akteure der Schweizer AI-Infrastruktur.

Mit der Swiss AI Initiative arbeiten die beiden Hochschulen bereits an offenen grossen Sprachmodellen und neuen Grundlagen für vertrauenswürdige künstliche Intelligenz.

Das Besondere daran:

Die Schweiz versucht nicht, die amerikanischen Hyperscaler einfach zu kopieren.

Stattdessen entsteht eine Infrastruktur, die Forschung, offene Modelle, Hochleistungsrechnen und Anwendungen in Bereichen wie Wissenschaft, Wetter oder Gesundheitswesen miteinander verbindet.

Das könnte langfristig ein wichtiger Wettbewerbsvorteil werden.

Europas KI-Rennen hat gerade erst begonnen

Der neue LUMI-AI zeigt, wie fundamental sich der Wettbewerb um künstliche Intelligenz verändert.

Lange konzentrierte sich die öffentliche Diskussion auf die Modelle.

Wer hat das beste Sprachmodell?

Wer baut den nächsten ChatGPT-Konkurrenten?

Wer entwickelt die leistungsfähigsten AI Agents?

Doch darunter befindet sich eine zweite, vielleicht noch wichtigere Ebene.

Wer besitzt die Infrastruktur, auf der diese Systeme laufen?

Rechenzentren, Stromversorgung, Chips, Netzwerke, Speicher und Hochleistungscomputer werden zu strategischen Faktoren der AI-Ökonomie.

Europa hat den Vorsprung der USA bei Cloud-Plattformen und grossen kommerziellen KI-Modellen bislang nicht aufgeholt.

Doch bei wissenschaftlichem Hochleistungsrechnen besitzt der Kontinent weiterhin erhebliche Kompetenz.

Mit Projekten wie LUMI-AI versucht Europa nun, diese Stärke auf die nächste Generation künstlicher Intelligenz zu übertragen.

Und die Schweiz steht dabei keineswegs am Rand.

Mit Alps, CSCS, ETH Zürich, EPFL und der HEARTS-Initiative verfügt sie bereits über Bausteine einer eigenen leistungsfähigen KI-Infrastruktur – und gleichzeitig über Verbindungen zum europäischen Netzwerk.

Die Investition von 387,8 Millionen Euro in Finnland ist deshalb mehr als die Nachricht über einen neuen Supercomputer.

Sie zeigt, wohin sich der globale KI-Wettbewerb bewegt.

Die nächste Phase der künstlichen Intelligenz wird nicht nur durch bessere Modelle entschieden – sondern auch durch die Frage, wer über die Rechenleistung verfügt, auf der sie entstehen.

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