Guy Parmelin «begeistert» nach Fahrt ohne Fahrer: Kommen Robotaxis bald in die Schweiz?

 Guy Parmelin «begeistert» nach Fahrt ohne Fahrer: Kommen Robotaxis bald in die Schweiz?

Kommt das Robotaxi bald in die Schweiz? Eine KI-generierte Illustration zeigt Bundespräsident Guy Parmelin neben einem autonomen Fahrzeug – während traditionelle Taxifahrer skeptisch in die Zukunft blicken.

Das Lenkrad bewegt sich wie von Geisterhand, doch der Fahrersitz bleibt leer: Bundespräsident Guy Parmelin hat in San Francisco eine Fahrt mit einem vollständig autonom fahrenden Robotaxi des US-Unternehmens Waymo absolviert. Nach der ungewöhnlichen Taxifahrt zeigte sich Parmelin beeindruckt. Er sei «begeistert» und halte die Idee grundsätzlich für unterstützungswürdig, sagte er gegenüber der «SonntagsZeitung».

Die Fahrt fand also nicht in der Schweiz statt, sondern während Parmelins offizieller Nordamerikareise. Der Bundespräsident besuchte zwischen dem 29. Juni und dem 9. Juli 2026 die USA und Kanada, um die wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Beziehungen der Schweiz zu stärken. Ende Juni und Anfang Juli hielt sich die Schweizer Delegation unter anderem in der Region San Francisco und im Silicon Valley auf.

Mit im Waymo-Fahrzeug sass der Luzerner SVP-Nationalrat und Technologieunternehmer Franz Grüter. Er hatte die Probefahrt organisiert und will die Robotaxis der Google-Schwesterfirma nun auch auf Schweizer Strassen bringen. Grüter war bereits im November 2025 erstmals mit einem Waymo in San Francisco gefahren. Danach kontaktierte er nach eigenen Angaben Verkehrsminister Albert Rösti, der sich gegenüber dem Vorhaben grundsätzlich offen gezeigt habe.

Waymo ist längst kein kleines Experiment mehr

Waymo entstand aus dem Projekt für selbstfahrende Autos von Google und gehört heute zum Alphabet-Konzern. Anders als viele Assistenzsysteme fährt der sogenannte «Waymo Driver» innerhalb klar definierter Einsatzgebiete auf Automatisierungsstufe 4: Das Fahrzeug übernimmt die gesamte Fahraufgabe, ohne dass ein Mensch im Auto jederzeit eingreifen können muss.

In mehreren amerikanischen Städten gehören die weissen Fahrzeuge mit ihren auffälligen Kameras, Radar- und Lasersensoren inzwischen zum Strassenbild. Waymo bietet öffentliche oder kommerzielle Fahrten unter anderem in San Francisco, Phoenix, Los Angeles, Austin und Atlanta an und erweitert sein Netz laufend. Das Unternehmen fährt nach eigenen Angaben mittlerweile mehr als vier Millionen autonome Meilen pro Woche. Ende 2025 meldete Waymo mehr als eine Million vollständig autonome Fahrten pro Monat und kündigte an, diese Grössenordnung bis Ende 2026 wöchentlich erreichen zu wollen.

Auch international wird expandiert. In London will Waymo bis zum vierten Quartal 2026 einen vollständig fahrerlosen Dienst aufbauen. Vor dem kommerziellen Start werden die Fahrzeuge dort zunächst mit Sicherheitsfahrern getestet und müssen die Genehmigungen der britischen Behörden erhalten.

Die Schweiz hat die rechtliche Tür bereits geöffnet

Rein rechtlich ist die Schweiz auf die neue Technologie besser vorbereitet, als viele vermuten. Seit dem 1. März 2025 erlaubt die Verordnung über das automatisierte Fahren drei konkrete Anwendungen: automatisierte Autobahnpiloten, selbstständiges Parkieren sowie führerlose Fahrzeuge auf behördlich genehmigten Strecken.

Ein Robotaxi darf deshalb nicht einfach nach Zürich importiert, zugelassen und über eine App angeboten werden. Das Fahrzeug beziehungsweise sein automatisiertes Fahrsystem benötigt eine Zulassung. Zudem bestimmen die Kantone, auf welchen Strecken ein führerloses Fahrzeug verkehren darf. Während des Betriebs muss eine Person in einer Kontrollzentrale das Fahrzeug aus der Ferne beaufsichtigen. Sicherheit, Verkehrsfluss, Fernüberwachung und das Verhalten bei technischen Problemen müssen detailliert nachgewiesen werden.

Das Bundesamt für Strassen sieht in automatisierten Fahrzeugen grundsätzlich Potenzial: Sie könnten die Verkehrssicherheit erhöhen, den Verkehrsfluss verbessern und neue Mobilitätsangebote ermöglichen. Eine politische Sympathiebekundung des Bundespräsidenten ersetzt jedoch weder eine Typengenehmigung noch die Bewilligung eines Kantons.

Die ersten Schweizer Robotaxis kommen möglicherweise aus China

Waymo wäre in der Schweiz zudem nicht allein. PostAuto testet in der Ostschweiz bereits automatisierte Fahrzeuge des chinesischen Technologiekonzerns Baidu. Das Projekt trägt den Namen «AmiGo» und umfasst ein rund 80 Quadratkilometer grosses Gebiet in den Kantonen St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden.

Seit dem 1. Juni 2026 fahren die Fahrzeuge dort im automatisierten Testbetrieb mit Sicherheitsfahrerinnen und Sicherheitsfahrern. Das ASTRA hat dafür eine Ausnahmebewilligung für Fahrzeuge auf Level 4 erteilt. Zunächst soll eine geschlossene Nutzergruppe mitfahren. Danach sind – sofern sämtliche Sicherheitsanforderungen erfüllt werden – erste Fahrten ohne Sicherheitsfahrer vorgesehen. Der reguläre Betrieb mit bis zu 25 Fahrzeugen ist ab 2027 geplant.

Die eingesetzten Baidu-Apollo-RT6-Fahrzeuge verfügen laut PostAuto über zwölf Kameras, zwölf Ultraschallsensoren, sechs Radarsysteme und vier Lidar-Sensoren. Sie werden permanent aus einer Zentrale überwacht und sollen bei technischen Problemen automatisch ein möglichst sicheres Manöver ausführen.

Auch Uber hat Zürich auf seiner internationalen Robotaxi-Liste. Der Fahrdienstvermittler erklärte Anfang 2026, noch im selben Jahr erste selbstfahrende Fahrzeuge in Zürich testen zu wollen. Dabei soll es sich allerdings nicht zwingend um Waymo-Fahrzeuge handeln: Uber arbeitet weltweit mit unterschiedlichen Technologiepartnern zusammen.

Verlieren Taxifahrer bald ihren Job?

Für Fahrgäste klingt das Versprechen verlockend: Ein Robotaxi benötigt keinen Fahrerlohn, macht keine Pause und kann theoretisch rund um die Uhr eingesetzt werden. Betreiber hoffen auf kürzere Wartezeiten, eine bessere Auslastung und langfristig tiefere Preise.

Für Taxifahrer könnte genau das zur existenziellen Bedrohung werden. In chinesischen Städten, in denen Baidus Apollo-Go-Flotten bereits in grossem Umfang eingesetzt werden, berichten Fahrer von wachsendem Konkurrenzdruck und sinkenden Einnahmen. Auch Uber rekrutiert in einigen amerikanischen Städten mit Robotaxi-Betrieb bereits zurückhaltender neue Fahrer.

Ein sofortiges Ende des Taxiberufs ist trotzdem unwahrscheinlich. Schweizer Robotaxis werden zunächst nur in begrenzten Gebieten fahren. Schwierige Wetterbedingungen, enge Altstadtgassen, Baustellen, Bergstrassen, Polizeikontrollen oder unvorhersehbares Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer bleiben anspruchsvoll. Zudem braucht es Menschen für Reinigung, Wartung, Flottenmanagement, Kundendienst und die gesetzlich verlangte Fernüberwachung.

Doch die Richtung ist klar: Der Mensch könnte schrittweise vom Fahrersitz in die Kontrollzentrale verdrängt werden. Ein Operator wird künftig möglicherweise nicht mehr ein einziges Taxi lenken, sondern gleichzeitig eine ganze Flotte überwachen.

Begeisterung trifft auf Sicherheitsbedenken

Waymo veröffentlicht Daten, nach denen seine Fahrzeuge im Vergleich zu menschlichen Fahrern weniger schwere Unfälle verursachen. Das Unternehmen argumentiert, Müdigkeit, Ablenkung, Alkohol und riskantes Fahrverhalten spielten bei einem Computersystem keine Rolle. Die veröffentlichten Resultate sind bemerkenswert, stammen aber zu einem wesentlichen Teil von Waymo selbst.

Gleichzeitig zeigen Zwischenfälle, dass die Technologie nicht unfehlbar ist. In den USA gerieten Robotaxi-Unternehmen zuletzt unter Druck, weil autonome Fahrzeuge bei Einsätzen von Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdiensten Strassen blockierten oder Anweisungen nicht richtig interpretierten. Die amerikanische Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA forderte die Hersteller deshalb ausdrücklich auf, die Zusammenarbeit ihrer Systeme mit Rettungskräften zu verbessern.

Die Revolution kommt – aber nicht über Nacht

Parmelins Probefahrt bedeutet noch nicht, dass im kommenden Monat fahrerlose Waymos durch Zürich, Bern oder Lugano rollen. Sie zeigt jedoch, dass das Thema die höchste politische Ebene erreicht hat. Die gesetzlichen Grundlagen existieren, das ASTRA signalisiert Offenheit, PostAuto testet bereits Level-4-Fahrzeuge und internationale Anbieter bringen sich in Stellung.

Damit lautet die entscheidende Frage nicht mehr, ob autonome Taxis in die Schweiz kommen. Es geht vielmehr darum, wer zuerst eine Zulassung erhält, welche Kantone mitmachen – und wie schnell die Technologie das bestehende Taxi- und Transportgewerbe verändert.

Vielleicht sitzt der Taxifahrer der Zukunft tatsächlich nicht mehr hinter dem Lenkrad. Vielleicht überwacht er zehn Fahrzeuge auf einem Bildschirm. Für die Fahrgäste wäre es eine technische Revolution. Für Tausende Chauffeure könnte es der Beginn eines unerbittlichen Wettkampfs gegen einen Konkurrenten sein, der keinen Lohn verlangt, nie müde wird und kein Trinkgeld erwartet.

websetcom

Kommentare